Zur Themenübersicht der Runengeschichte
Die folgenden Abschnitte behandeln jedes Zeichen einzeln. Sie erläutern den älteren Lautwert, die Geschichte seiner Benennung und wichtige Veränderungen in späteren Traditionen. Für die Erfindung einer einzelnen Rune oder ihre erste spirituelle Verwendung lässt sich in aller Regel kein genaues Datum nennen. Solche Jahreszahlen werden hier nicht erfunden.
01. Fehu ᚠ
Fehu bezeichnet in der rekonstruierten älteren Namensform Vieh und damit auch beweglichen Reichtum. Ihr Lautwert ist f. Der Name verweist auf eine Lebenswelt, in der Tiere einen konkreten wirtschaftlichen Wert besaßen. Er sagt nicht, dass jede einzelne f-Rune in einem Wort Wohlstand symbolisiert. Beim Schreiben erfüllt sie zunächst ihre Lautfunktion.
Die Benennung lebt im altenglischen feoh und im nordischen fé weiter. Fehu gehört damit zu den Zeichen, deren sprachliche und schriftliche Tradition sich über die Veränderung der Runenreihen hinweg verfolgen lässt. Im Jüngeren Futhark bleibt die f-Rune bestehen, während andere ältere Zeichen verschwinden oder neue Aufgaben bekommen.
Heute wird Fehu häufig mit Ressourcen und einem bewussten Umgang mit Besitz verbunden. Das ist eine moderne Übertragung des Namensfelds. Historischer Viehbesitz, wirtschaftliche Verantwortung und eine persönliche Meditation über Fülle sind miteinander verknüpfbare, aber unterschiedliche Aussagen. [5, 6]
02. Uruz ᚢ
Uruz steht im Älteren Futhark für u. Die ältere Benennung wird gewöhnlich mit dem Auerochsen verbunden. Dabei geht es um ein Wildrind, nicht einfach um jedes Rind einer Herde. Die sprachgeschichtliche Erklärung ist von einer behaupteten historischen Lehre über Körperkraft oder Heilung zu unterscheiden.
Die Rune bleibt im Jüngeren Futhark erhalten, muss dort aber mehrere Lautwerte abdecken. Ihr Name entwickelt sich in den späteren Überlieferungen unterschiedlich. Das altenglische ur und die nordischen úr-Traditionen lassen sich deshalb nicht in jeder Einzelheit mit einem einzigen unveränderten Bedeutungsbild erklären. Die Überlieferung selbst zeigt Bewegung.
Wer Uruz heute als Bild für Lebenskraft betrachtet, knüpft an eine moderne Symboldeutung an. Eine bestimmte gesundheitliche Wirkung des Zeichens ist damit nicht historisch nachgewiesen. Für die Schriftgeschichte ist vor allem wichtig, wie ein erhaltenes Zeichen seine sprachlichen Aufgaben verändert. [5, 6]
03. Thurisaz ᚦ
Thurisaz besitzt den Lautwert þ. Die rekonstruierte Benennung wird mit einem Riesenwesen verbunden. In der späteren nordischen Tradition heißt die Rune þurs. Im altenglischen Futhorc begegnet dagegen thorn, der Dorn. Die Abweichung gehört zur Geschichte der Namensüberlieferung und sollte nicht geglättet werden.
Das Zeichen überlebt die Reduktion auf das Jüngere Futhark und gehört auch zum angelsächsischen Bestand. Seine Lautfunktion ist besonders anschaulich, weil viele heutige Alphabete denselben Laut mit einer Buchstabenverbindung wiedergeben. Umgekehrt bedeutet modernes deutsches th nicht automatisch diesen Laut.
Die verbreitete Verbindung mit Thor, Abwehr und persönlicher Grenzziehung gehört in eine gesonderte Darstellung mythologischer und heutiger Deutungen. Der Name der Rune ist kein unmittelbarer Beweis dafür, dass frühe Schreiber mit jedem þ Thors Hammer oder einen Schutzzauber meinten. [5, 6]
04. Ansuz ᚨ
Ansuz steht in der älteren Reihe für a. Der rekonstruierte Name wird auf eine Bezeichnung für eine Gottheit beziehungsweise ein göttliches Wesen bezogen. Ein Zusammenhang mit der späteren nordischen Götterbezeichnung ist sprachgeschichtlich bedeutsam. Daraus folgt aber keine vollständige überlieferte Lehre über eine Rune der Inspiration.
Beim Übergang zur jüngeren Schrift verändert sich die Beziehung zwischen Zeichen, Laut und Name. In nordischen Inschriften spielt die entsprechende Rune zunächst unter anderem für einen nasalisierten Vokal eine Rolle; später begegnen o-Lesungen. Im angelsächsischen Raum wird der Vokalbestand anders ausdifferenziert. Die Geschichte verläuft also nicht in einer einzigen geraden Linie.
Moderne Verbindungen mit Sprache, Bewusstsein oder Inspiration können als heutige Lesarten erklärt werden. Der historische Ausgangspunkt bleibt ein Schriftzeichen mit einer erschlossenen Namensgeschichte, nicht ein allgemein bewiesenes Symbol für jede Form göttlicher Botschaft. [5, 6]
05. Raidho ᚱ
Raidho bezeichnet die r-Rune. Ihr Name gehört zum Bedeutungsfeld des Reitens und der Fahrt. Die moderne Schreibweise Raidho ist eine gebräuchliche Form; wissenschaftliche Rekonstruktionen und spätere überlieferte Namen sehen zum Teil anders aus. Die Rune selbst gehört zu den beständigen Zeichen der verschiedenen Reihen.
Im nordischen Jüngeren Futhark begegnet reið, im altenglischen Futhorc rad. Diese Fortsetzungen verbinden die Benennung mit Bewegung, ohne einen einzelnen Gegenstand wie einen bestimmten Wagen für jede Rune vorzuschreiben. Historische Namen enthalten Alltagserfahrung, sind aber keine vollständigen Abbildungen des damaligen Lebens.
Eine persönliche Deutung als Lebensweg, Richtung oder Rhythmus ist heute gut verständlich. Sie darf jedoch nicht mit einer archäologisch belegten Bedeutung jeder r-Rune gleichgesetzt werden. In einem eingeritzten Personennamen bleibt r zunächst ein Lautbestandteil. [5, 6]
06. Kenaz ᚲ
Kenaz ist der auf Spiritual Circle verwendete Name der älteren k-Rune. Gerade hier muss die Namensgeschichte vorsichtig erklärt werden. Das altenglische cen wird mit einer Fackel verbunden; nordisches kaun bezeichnet ein Geschwür oder eine wunde Stelle. Welche ältere Namensform zugrunde lag und wie diese Traditionen zusammenhängen, ist nicht vollständig gesichert.
Die Rune setzt sich im angelsächsischen Raum und in veränderter Gestalt im Jüngeren Futhark fort. Im jüngeren System deckt die k-Rune auch Laute ab, die zuvor durch andere Zeichen unterschieden werden konnten. Eine gleiche oder verwandte Grundform bedeutet also keine über alle Jahrhunderte identische Aufgabe.
Die verbreitete heutige Deutung als Erkenntnisfeuer folgt vor allem dem Fackelbild. Sie ist als moderne Schwerpunktsetzung verständlich. Historisch wäre es ungenau, die andere Namensüberlieferung zu verschweigen oder die Rune ohne Einschränkung als uraltes Zeichen geistiger Erleuchtung zu beschreiben. [5, 13]
07. Gebo ᚷ
Gebo ist die ältere g-Rune. Ihre Benennung gehört zum Wortfeld Gabe oder Geschenk. Der Name führt damit zu einem alltäglichen und sozialen Begriff. Eine Aussage über die genaue Verpflichtung, die ein bestimmtes Geschenk in einer bestimmten Gemeinschaft auslöste, muss allerdings aus weiteren Quellen stammen und lässt sich nicht allein aus dem Runennamen lesen.
Im altenglischen Futhorc lebt die Rune als gyfu weiter. Im nordischen Jüngeren Futhark besitzt g dagegen kein eigenes gleichwertiges Grundzeichen mehr; die k-Rune übernimmt entsprechende Schreibaufgaben. Das Verschwinden aus der Reihe bedeutet nicht, dass der Laut aus der Sprache verschwunden wäre.
Heutige Deutungen verbinden Gebo mit Austausch, Gegenseitigkeit und Beziehungen. Diese Übertragung kann an den Wortwert anknüpfen. Sie beschreibt eine moderne Betrachtung und ersetzt weder die Lautfunktion noch eine konkrete historische Inschriftenlesung. [5, 6]
08. Wunjo ᚹ
Wunjo bezeichnet die ältere w-Rune. Der Name wird mit Freude und Wonne verbunden. Gemeint ist zunächst die sprachliche Bedeutung eines erschlossenen Namens, nicht ein archäologisch nachgewiesenes System persönlicher Glücksbotschaften.
Die Rune bleibt im altenglischen Futhorc als wynn erhalten. In der nordischen jüngeren Reihe gibt es dagegen keine eigenständige w-Rune in derselben Stellung. Wunjo zeigt damit ebenso wie Gebo, dass die Entwicklung des Futhorc und die des Jüngeren Futhark unterschiedliche Wege nehmen. Die eine Tradition bewahrt und erweitert, die andere ordnet mit weniger Grundzeichen neu.
Wer Wunjo heute mit Zugehörigkeit und innerer Freude verbindet, verwendet eine zeitgenössische Symbolsprache. Für ein geschichtliches Verständnis ist ebenso wichtig, dass viele gewöhnliche Namen und Wörter mit diesem Zeichen geschrieben werden konnten, ohne deshalb Aussagen über Glück zu sein. [5, 6]
09. Hagalaz ᚺ
Hagalaz steht für h und wird mit Hagel verbunden. Schon die überlieferten Formen der h-Rune zeigen, dass ein heutiges Standardsymbol nicht jede historische Gestalt abdeckt. Unterschiede zwischen einfachen und zusätzlichen Verbindungen der Stäbe müssen im Zusammenhang mit Zeit und Region gelesen werden.
Die Benennung setzt sich im altenglischen hægl und in nordischen Hagel-Namen fort. Das Zeichen bleibt auch in der jüngeren Reihe, verändert aber seine Form. Die moderne Darstellung des Älteren Futhark und eine jüngere Langzweig- oder Kurzastform sind daher nicht beliebig austauschbar.
Das Naturwort lässt sich heute als Anlass nehmen, über Veränderung und begrenzte Kontrolle nachzudenken. Eine solche Deutung ist nicht mit der Behauptung gleichzusetzen, frühe Menschen hätten beim Auftauchen des Buchstabens ein bestimmtes Ereignis vorhergesagt. Ein Runenname bewahrt ein Wort, keine sichere Zukunftsaussage. [5, 6]
10. Nauthiz ᚾ
Nauthiz ist die n-Rune des Älteren Futhark. Die Benennung wird mit Not, Bedürfnis und Zwang verbunden. Unterschiedliche moderne Namensschreibungen wie Nauthiz oder Naudiz gehen auf die Wiedergabe einer älteren Laut- und Formenwelt zurück.
Im angelsächsischen Bereich heißt die Rune nyd, im nordischen Raum begegnet nauð. Die Weiterführung zeigt die Beständigkeit des Namensfelds bei gleichzeitig wechselnden Sprachformen. Auch die Rune selbst erscheint in unterschiedlichen älteren und jüngeren Gestalten. Ihr Platz in einer Übersicht darf deshalb nicht mit einer einzigen zeitlosen Zeichnung verwechselt werden.
In heutiger spiritueller Praxis kann aus dem Begriff eine Betrachtung über Bedürfnisse, Ausdauer oder bewusste Entscheidungen entstehen. Historische Not und eine heutige ermutigende Interpretation sind jedoch unterschiedliche Ebenen. Die ursprüngliche Wortbedeutung muss nicht umgeschrieben werden, damit eine moderne Betrachtung hilfreich sein kann. [5, 6]
11. Isa ᛁ
Isa steht in der älteren Reihe für i. Die Benennung gehört zum Wort Eis. Das einfache stabförmige Zeichen ist über verschiedene Runensysteme hinweg besonders leicht wiederzuerkennen. Seine schlichte Gestalt ist dennoch kein Beweis dafür, dass jeder vorgeschichtliche einzelne Strich bereits eine i-Rune wäre.
Altenglisches is und nordisches ís führen das Namensfeld fort. Im Jüngeren Futhark übernimmt die i-Rune zusätzlich Schreibaufgaben für andere Vokale. Wer eine jüngere Inschrift liest, kann deshalb nicht aus jedem i-Zeichen unmittelbar denselben heutigen i-Laut ableiten.
Moderne Deutungen betonen oft Ruhe, Sammlung oder Stillstand. Das sind Übertragungen des Eisbilds. Schriftgeschichtlich ist die Rune vor allem ein Beispiel dafür, dass eine ähnliche Form über lange Zeit bestehen kann, während ihr Verhältnis zu den gesprochenen Lauten veränderlich bleibt. [5, 6]
12. Jera ᛃ
Jera hat im älteren System den Lautwert j, vergleichbar mit dem Anlaut des deutschen Wortes Jahr. Der Name selbst gehört zum Jahresbegriff. Spätere Traditionen können besonders das gute oder ertragreiche Jahr hervorheben; dies ist nicht einfach ein modernes englisches j.
Die Rune setzt sich in verschiedenen Formen fort. Im nordischen Sprachwandel verändert sich der Anlaut des Namens, und aus dem Namensfeld entwickelt sich ár. Damit verschiebt sich auch die Funktion der entsprechenden jüngeren Rune in Richtung a. Im altenglischen Futhorc lebt eine andere Entwicklung als ger weiter.
Jera erklärt besonders anschaulich, warum ein Runensystem nicht unabhängig von der zugehörigen Sprache betrachtet werden kann. Die moderne Deutung als Jahreskreis, Geduld und Reifung knüpft an den Namen an. Sie ist keine vollständige historische Beschreibung eines überlieferten Ernteorakels. [5, 6]
13. Eihwaz ᛇ
Eihwaz wird mit der Eibe verbunden. Für die ältere Rune ist die genaue Lautfunktion umstritten. Wissenschaftliche Umschriften verwenden unter anderem ï, um das Zeichen von der gewöhnlichen i-Rune zu unterscheiden. Dieses ï ist eine Konvention und keine sichere Anweisung, einen heutigen bestimmten Doppellaut zu sprechen.
Das altenglische eoh bewahrt die Baumverbindung. In der jüngeren nordischen Grundreihe steht dagegen keine unverändert gleichwertige Eihwaz-Rune an der alten Position. Dass die später anders hergeleitete ýr-Rune ebenfalls einen Eibennamen trägt, macht beide Zeichen nicht ohne Weiteres identisch.
Die langlebige Eibe liefert heute Bilder für Dauer und Übergang. Die Form der Rune beweist jedoch keine universelle Verbindung zwischen Welten. Gerade Eihwaz zeigt, dass ein vertrautes modernes Deutungsbild neben einer wissenschaftlich offenen Lautgeschichte bestehen kann, wenn beides getrennt benannt wird. [5, 13]
14. Perthro ᛈ
Perthro steht für p. Die ältere Namensform und ihre genaue Bedeutung sind nicht sicher erschlossen. Das altenglische peorð ist eine wichtige Vergleichsgrundlage. Sein Vers im Runengedicht nennt einen geselligen Zusammenhang, löst die Wortfrage aber nicht eindeutig.
Erklärungen als Spielgerät, Losbecher oder verwandte Begriffe wurden vorgeschlagen. Sie bleiben Deutungen. Aus einem solchen Vorschlag entsteht kein sicherer Nachweis, dass die Rune seit ihrer Entstehung für Schicksal, Geburt oder Wahrsagung gestanden habe. Eine unbekannte Namensbedeutung ist kein Beleg für verborgenes Geheimwissen.
Im Jüngeren Futhark gibt es keine eigenständige ältere p-Rune; p kann mit der b-Rune geschrieben werden. Im Futhorc bleibt ein entsprechendes Zeichen erhalten. Moderne Orakeldeutungen von Perthro gehören zur Rezeptionsgeschichte und sind von dieser tatsächlichen schriftlichen Weiterentwicklung zu unterscheiden. [5, 13]
15. Algiz ᛉ
Algiz, auch Elhaz genannt, bezeichnet im Älteren Futhark das gewöhnlich mit z umschriebene Zeichen. Die ursprüngliche Benennung ist nicht sicher geklärt. Die bekannte Erklärung über den Elch ist eine Rekonstruktion, nicht der vollständig überlieferte Eigenkommentar früher Runenschreiber.
Im nordischen Sprachwandel entwickelt sich der ältere Laut zu einem besonderen r-Laut. Wissenschaftliche Umschriften verwenden dafür häufig R oder ʀ. Dieses R ist kein gewöhnlicher Großbuchstabe. Im Jüngeren Futhark begegnet die entsprechende ýr-Rune mit veränderter Gestalt. Die altenglische Überlieferung nimmt wiederum einen anderen Weg und enthält ein strittiges Namensfeld um eolh-secg.
Die heute verbreitete Schutzdeutung darf als moderne spirituelle Interpretation bestehen. Sie sollte aber nicht als sichere ursprüngliche Wortübersetzung ausgegeben werden. Auch die aufgerichteten Zweige des Zeichens liefern für sich keinen Beweis für einen betenden Menschen, ein Geweih oder einen historisch festgelegten Abwehrmechanismus. [5, 13]
16. Sowilo ᛊ
Sowilo ist die ältere s-Rune. Ihr Name wird mit der Sonne verbunden. Unterschiedliche gezackte oder gebogene historische Formen gehören zu ihrer Schriftgeschichte. Eine heute ausgewählte Unicodeform steht stellvertretend für diese Varianten.
Im altenglischen Futhorc begegnet sigel, im Jüngeren Futhark sól. Sonne und Licht bleiben dabei verständliche Namensfelder, während Zeichenformen und Sprachformen sich verändern. Die jüngere Kurzastform zeigt besonders deutlich, wie stark eine Rune vereinfacht werden konnte.
Heute wird Sowilo häufig als Bild für Klarheit und Orientierung verwendet. Zur neueren Geschichte gehört aber auch der politische Missbrauch verwandter Zeichenformen, insbesondere durch die nationalsozialistische SS. Diese Verwendung ist erheblich jünger als die historische Rune. Beides muss benannt werden, ohne die alte Schrift auf ihre spätere Vereinnahmung zu reduzieren. [5, 19]
17. Tiwaz ᛏ
Tiwaz steht im älteren System für t. Die Namensrekonstruktion verbindet das Zeichen mit einem Götternamen, dessen spätere nordische Form Týr lautet. Das altenglische tiw beziehungsweise tir gehört zur vergleichenden Überlieferung. Welche Vorstellungen frühe Benutzer im Einzelnen mit dem Namen verbanden, lässt sich nicht vollständig aus späteren Erzählungen zurückgewinnen.
Die t-Rune bleibt im Jüngeren Futhark bestehen und deckt dort auch Schreibungen mit d-Laut ab. In der angelsächsischen Tradition besteht weiterhin ein eigenes d-Zeichen. Hier werden die unterschiedlichen Lösungen der Schriftentwicklung besonders deutlich.
Moderne Auslegungen betonen Recht, Mut oder Verantwortung. Die Erzählungen über Týr sind dafür ein wichtiger kultureller Bezug. Als historische Aussage braucht es jedoch die Unterscheidung zwischen frühem Runennamen, später überlieferter Mythologie und heutiger persönlicher Ethik. [5, 6]
18. Berkano ᛒ
Berkano, auch Berkana genannt, ist die b-Rune. Ihr Name wird mit der Birke verbunden. Der Baumname ist eine sprachliche Grundlage, aber keine vollständig überlieferte Anleitung zu einem bestimmten Fruchtbarkeitsritual.
In der altenglischen Überlieferung heißt die Rune beorc, im jüngeren nordischen Raum bjarkan. Das Zeichen bleibt bestehen und übernimmt im Jüngeren Futhark zusätzlich p-Schreibungen. Die Langzweig- und Kurzastformen unterscheiden sich sichtbar. Eine mittelalterliche punktierte Erweiterung ermöglicht später wieder eine deutlichere Unterscheidung von b und p.
Die moderne Verbindung mit Wachstum und Neubeginn kann als heutige Betrachtung des Birkenbilds erläutert werden. Sie ist nicht mit der Aussage gleichzusetzen, jede b-Rune auf einem Alltagsgegenstand habe eine solche Absicht getragen. Der Zusammenhang einer konkreten Inschrift hat Vorrang vor einem allgemeinen Symbolwörterbuch. [5, 9]
19. Ehwaz ᛖ
Ehwaz steht für e. Der rekonstruierte Name wird mit dem Pferd verbunden. Die Rune ist von Eihwaz zu unterscheiden: Ein ähnlicher moderner Name bedeutet weder denselben Lautwert noch denselben Baum- oder Tierbezug.
Im altenglischen Futhorc führt eh die Benennung fort. Im Jüngeren Futhark besteht dagegen keine unverändert eigenständige Ehwaz-Rune; die i-Rune kann e-Laute wiedergeben. Sprachwandel verändert zugleich die Beziehungen zwischen alten Runennamen und ihren Anlauten. Das zeigt, warum die Erinnerungshilfen einer früheren Sprachstufe später nicht immer gleich gut funktionieren. [5]
Die heutige Deutung als Zusammenarbeit oder vertrauensvolle Bewegung ist eine Übertragung des Pferdebilds. Historisch belegt ist damit zunächst die sprachliche Zuordnung, nicht jede Aussage über seelische Partnerschaft. Wer Ehwaz verstehen möchte, sollte sowohl ihre Lautfunktion als auch ihre moderne Bildgeschichte kennen.
20. Mannaz ᛗ
Mannaz bezeichnet die m-Rune. Der Name gehört zum Wortfeld Mensch. Dabei ist die Bedeutung eines alten Wortes nicht ohne Weiteres auf die engeren oder weiteren Bedeutungen heutiger Wörter zu beschränken.
Im altenglischen Futhorc begegnet mann, im Jüngeren Futhark maðr. Die Rune bleibt also erhalten, verändert in der jüngeren Formenwelt aber ihre Gestalt. Ihre Geschichte veranschaulicht eine Verbindung von sprachlicher Beständigkeit und sichtbarer schriftlicher Veränderung.
Heute lässt sich Mannaz als Anlass nehmen, über das eigene Menschsein und die Beziehung zu anderen nachzudenken. Diese Reflexion ist eine gegenwärtige Verwendung. Sie beweist weder ein festes altes Persönlichkeitsmodell noch eine historisch überlieferte psychologische Diagnose durch einzelne Runenzeichen. Der Name öffnet ein Bedeutungsfeld, aber er ersetzt nicht die Quellen zur tatsächlichen Gesellschaftsgeschichte. [5, 6]
21. Laguz ᛚ
Laguz steht für l. Die Benennung wird mit Wasser beziehungsweise einem Gewässer verbunden. Die genaue Form der Rekonstruktion wird unterschiedlich angegeben; der Bedeutungsbereich ist nicht mit einer modernen Lehre über Gefühle gleichzusetzen.
Die altenglische Fortsetzung lagu und nordisches lǫgr zeigen die Weiterführung in unterschiedlichen Sprachen. Im Jüngeren Futhark bleibt die l-Rune Bestandteil der Reihe. Ihre relativ vertraute Gestalt darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die mit ihr geschriebenen Wörter und Sprachformen sich weiterhin verändern.
In heutiger spiritueller Sprache kann Wasser für Bewegung, Tiefe und Empfindung stehen. Das ist eine nachvollziehbare Symbolarbeit. Historische Wasserwörter belegen aber nicht, dass frühe Schreiber jede l-Rune als Botschaft der Intuition verstanden hätten. Erst ein konkreter Text kann zeigen, ob es in einer Inschrift tatsächlich um Wasser geht. [5, 6]
22. Ingwaz ᛜ
Ingwaz wird gewöhnlich mit ng beziehungsweise ŋ umschrieben. Der rekonstruierte Name verweist auf Ing, eine Gestalt der germanischen Überlieferung. Die Zeichenformen variieren; in der angelsächsischen Tradition begegnet eine erweiterte Form. Die Stellung der Rune und ihre Verbindung zu einem Namen sind zu unterscheiden von einem einfachen modernen Buchstabenersatz.
Im altenglischen Futhorc bleibt Ing erhalten. In der jüngeren nordischen Grundreihe gibt es dafür kein eigenes unverändertes Zeichen mehr. Eine moderne Schreibung mit zwei Runen ist daher nicht automatisch die historische Lösung jeder Inschrift.
Die Verbindung mit Fruchtbarkeit und späteren Freyr-Traditionen benötigt eine zeitliche Einordnung. Eine heutige Betrachtung über gesammelte Kraft oder Reifung kann sich daran anschließen. Sie ist aber keine nachgewiesene Übersetzung des Zeichens als Samen und keine vollständige ursprüngliche Gebrauchsanweisung. [5, 13]
23. Dagaz ᛞ
Dagaz ist die ältere d-Rune. Die Benennung wird mit Tag verbunden. Ihr Aufbau mit zwei miteinander verbundenen Teilformen gehört zu den markanten Gestalten der älteren Reihe. Daraus folgt nicht, dass jede ähnliche geometrische Figur anderer Kulturen dieselbe Rune oder Bedeutung darstellt.
Im angelsächsischen Futhorc lebt die Rune als dæg weiter. Das Jüngere Futhark unterscheidet d dagegen nicht durch ein eigenes älteres Grundzeichen, sondern verwendet dafür die t-Rune. Die Geschichte von Dagaz zeigt erneut, dass eine Reduktion des Zeichenbestands nicht mit einem Verschwinden des entsprechenden Lauts verwechselt werden darf.
Die moderne Vorstellung von Tagesanbruch, Einsicht und Neubeginn knüpft an das Wort Tag an. Sie ist eine symbolische Auslegung. Eine konkrete d-Rune in einem Namen oder Satz muss deshalb nicht auf einen persönlichen Durchbruch hinweisen. [5, 6]
24. Othala ᛟ
Othala steht in der älteren Reihe für o. Der rekonstruierte Name gehört zum Bedeutungsfeld ererbter Besitz oder angestammtes Gut. In der altenglischen Tradition begegnet ēþel beziehungsweise eine verwandte Benennung. Dort verändert sich zugleich das Verhältnis zum Vokalsystem.
Im Jüngeren Futhark bleibt kein unverändert gleichwertiges Othala-Zeichen in der alten Stellung erhalten. Andere Runen übernehmen die Schreibung entsprechender Vokale. Historische Reihen zeigen außerdem, dass die Schlussstellung von Dagaz und Othala variieren konnte. Die hier verwendete Reihenfolge folgt den bestehenden Spiritual-Circle-Karten.
Heute kann das Zeichen Fragen nach Herkunft und Weitergabe anregen. Zur neueren Geschichte gehört zugleich seine rassistische und rechtsextreme Vereinnahmung. Diese ist von der älteren Schriftgeschichte zu trennen und darf nicht verschwiegen werden. Ererbter Besitz ist kein wissenschaftlicher Beleg für eine Lehre von ethnischer Überlegenheit. [5, 7, 19]
Quellen zu diesem Thema
- [5] Nationalmuseet, Runernes navne. Rekonstruktion und Vergleich der Namen. Angaben werden mit der jeweiligen Unsicherheit erläutert. Quelle öffnen
- [6] Lex, Runer. Fachliche Übersicht zu Namen, Schriftformen und Entwicklung. Quelle öffnen
- [7] Riksantikvarieämbetet, Allmänt om runor. Frühe Reihen, Kylver und Formenwandel. Quelle öffnen
- [9] Odd Einar Haugen, Menota-Handbuch, Kapitel 18, Fassung 4.0 beta. Umschrift, Normalisierung, Wortgrenzen, Ligaturen und mittelalterliche Zeichen. Die Fassung ist ausdrücklich als Entwurf gekennzeichnet. Quelle öffnen
- [13] Frederick George Jones, 1967: The Old English Rune Poem, an Edition. Verwendet für Gedichtüberlieferung, Runeinträge und offene Namensfragen, besonders Perthro, Eolh und zusätzliche angelsächsische Zeichen. Die veralteten allgemeinen Ursprungsthesen des Vorworts wurden nicht übernommen. Quelle öffnen
- [19] Rudolf Simek, Bundeszentrale für politische Bildung: Runen gestern, heute, morgen, 2017. Neuzeitliche Umdeutung, Armanenrunen und politische Vereinnahmung; keine Gleichsetzung heutiger spiritueller Interessen mit rechtsextremer Ideologie. Die damaligen allgemeinen Altersangaben werden durch die neueren Befunde aus Quelle [2] ergänzt. Quelle öffnen
