Zur Themenübersicht der Runengeschichte
In England und im friesischen Raum entwickelte sich aus der älteren Tradition ein anderer Zweig. Die Schrift wurde an veränderte Lautverhältnisse angepasst und um Zeichen erweitert. Der Name Futhorc spiegelt bereits eine andere Lautfolge der ersten Zeichen. Er bezeichnet keine altnordische Übersetzung des Wortes Futhark. [11]
Die Bestände unterscheiden sich nach Inschrift und Handschrift. Darstellungen mit 28, 29 oder weiteren Zeichen müssen deshalb nicht automatisch widersprüchlich sein. Eine Zeichenliste kann eine bestimmte überlieferte Reihe, einen zusammengetragenen Gesamtbestand oder eine heutige Lehrübersicht wiedergeben. Diese Zwecke sollten benannt werden.
Die 29 Einträge der hier verwendeten Werkzeugauswahl
Die folgende Liste ist eine eigene Zuordnungserklärung zur Spiritual-Circle-Auswahl. Kurze Lautangaben ersetzen keine Untersuchung jeder altenglischen Sprachstufe. Die Namensfelder beruhen auf der altenglischen Überlieferung und ihren wissenschaftlichen Erläuterungen. [11, 13]
- Feoh, ᚠ, f: Vieh oder Besitz. Es führt das ältere Fehu-Namensfeld fort.
- Ur, ᚢ, u: Mit dem Auerochsen verbunden; von späteren nordischen Úr-Deutungen zu unterscheiden.
- Thorn, ᚦ, þ: Dorn. Der englische Name unterscheidet sich vom nordischen þurs.
- Os, ᚩ, o: Die Namens- und Bedeutungsüberlieferung ist komplex; der Runengedichtvers stellt Sprache beziehungsweise Mund in den Vordergrund. Nicht einfach jede spätere Benennung mit Ansuz gleichsetzen.
- Rad, ᚱ, r: Fahrt oder Reiten. Es setzt das ältere Namensfeld fort.
- Cen, ᚳ, c beziehungsweise k: Die Fackelbenennung ist wichtig für viele heutige Kenaz-Deutungen. Der Lautwert hängt bei der sprachgeschichtlichen Einordnung vom Zusammenhang ab.
- Gyfu, ᚷ, g: Gabe. Die Rune bleibt erhalten, anders als im jüngeren nordischen Grundbestand.
- Wynn, ᚹ, w: Freude. Das Zeichen wird auch im Zusammenhang altenglischer Schriftgeschichte außerhalb einfacher Runenreihen wichtig.
- Hægl, ᚻ, h: Hagel. Die verwendete Form ist von der älteren und den jüngeren nordischen Formen zu unterscheiden.
- Nyd, ᚾ, n: Not oder Bedürfnis. Name und Wort verändern sich sprachlich, ohne ihr Bedeutungsfeld vollständig zu verlieren.
- Is, ᛁ, i: Eis. Das Grundzeichen ist besonders schlicht.
- Ger, ᛄ, j: Jahr. Der Anlaut darf nicht wie ein modernes englisches j ausgesprochen werden.
- Eoh, ᛇ, traditionell eo: Eibe. Die heutige Werkzeugzuordnung eo ist von einer abschließend gesicherten Lautrekonstruktion zu unterscheiden.
- Peorð, ᛈ, p: Die genaue Namensbedeutung bleibt umstritten; der überlieferte Vers erklärt sie nicht eindeutig.
- Eolh beziehungsweise Eolh-secg, ᛉ, konventionell x: Ein schwieriges Namensfeld, im Runengedicht mit einer Sumpfpflanze verbunden. Die x-Zuordnung ist nicht der ältere z-Lautwert.
- Sigel, ᛋ, s: Sonne. Eine spätere englische Fortsetzung der Sonnenbenennung.
- Tir, ᛏ, t: Die Beziehung zu älteren Götternamen und anderen Bedeutungen wird diskutiert. Ein einzelner kurzer deutscher Gleichwert wäre zu eng.
- Beorc, ᛒ, b: Birke. Die ältere Baumbenennung bleibt erkennbar.
- Eh, ᛖ, e: Pferd. Nicht mit Eoh, der Eibenrune, verwechseln.
- Mann, ᛗ, m: Mensch. Der Name steht in einer langen vergleichbaren Worttradition.
- Lagu, ᛚ, l: Wasser oder Meer. Das Runengedicht gibt dazu eine konkrete Bildwelt, keine universelle Orakeltechnik.
- Ing, ᛝ, ng: Ein überlieferter Name und eine besondere Lautzuordnung, kein gewöhnlicher Einzelbuchstabe des heutigen Deutschen.
- Eþel, ᛟ, oe: Ererbter Besitz beziehungsweise angestammtes Gut. Die Werkzeugschreibung oe kennzeichnet den altenglischen Zuordnungsbereich.
- Dæg, ᛞ, d: Tag. Die Rune bleibt als eigenes Zeichen erhalten.
- Ac, ᚪ, a: Eiche. Eines der wichtigen zusätzlichen Vokalzeichen des erweiterten Systems.
- Æsc, ᚫ, æ beziehungsweise ae: Esche. Nicht mit einer gesichert identischen ursprünglichen Ansuz-Bedeutung gleichsetzen.
- Yr, ᚣ, y: Im Runengedicht mit einem Ausrüstungsgegenstand verbunden, dessen genaue Erklärung diskutiert wird. Der Lautwert ist kein modernes deutsches j.
- Ior, ᛡ, io: Ein weiterer überlieferter Eintrag mit strittiger Worterklärung und besonderer Zeichenüberlieferung. Die vereinfachende Übersetzung als bestimmtes Tier wäre ohne Erläuterung zu sicher.
- Ear, ᛠ, ea: Der Gedichtvers behandelt Vergänglichkeit und Tod. Die genaue Wortgeschichte ist von der poetischen Beschreibung zu unterscheiden.
Daneben kennen Handschriften und bestimmte Inschriften weitere Formen, etwa Calc, Gar, Cweorð und Stan. Ihr Vorkommen und ihre Lautaufgaben sind nicht überall gleich. Nicht jeder Eintrag einer gelehrten Handschriftenliste war deshalb ein alltäglich benutztes Zeichen aller altenglisch Schreibenden. Die 29er-Auswahl des Konverters enthält diese weiteren Einträge nicht. [10, 12, 13]
Ein anschauliches Objekt ist das Seax von Beagnoth, eine einschneidige Klinge mit einer Runenreihe und einem Namen. Die Reihe umfasst 28 Zeichen. Das Objekt zeigt damit selbst, weshalb eine moderne Übersicht mit 29 Einträgen nicht als einzig mögliche historische Norm behandelt werden darf. Die christlichen Zusammenhänge anderer angelsächsischer Runenfunde widerlegen außerdem eine pauschale Gleichsetzung von Runenschrift und heidnischer Religionszugehörigkeit. [11]
Quellen zu diesem Thema
- [10] Unicode Standard 17, Kapitel 8.7. Kodierung der Runen, Formenunterscheidung und stablose Runen. Kein Nachweis spiritueller Wirkungen. Quelle öffnen
- [11] University College London, The Riddles in Old English Runes, 2021. Angelsächsische Objekte und Futhorc. Einzelne Zeichendarstellungen des Vermittlungstexts wurden nicht als verbindliche Lauttabelle übernommen. Quelle öffnen
- [12] Andrew West, BabelStone, Anglo-Saxon und Dotted Runic Fonts. Kontrolle von Unicodeformen und Repertoire; keine Übernahme von Zeichentabellen oder Schriftdateien. Quelle öffnen und Quelle öffnen
- [13] Frederick George Jones, 1967: The Old English Rune Poem, an Edition. Verwendet für Gedichtüberlieferung, Runeinträge und offene Namensfragen, besonders Perthro, Eolh und zusätzliche angelsächsische Zeichen. Die veralteten allgemeinen Ursprungsthesen des Vorworts wurden nicht übernommen. Quelle öffnen
