Zur Themenübersicht der Runengeschichte
Zwischen älterer und jüngerer Runenschrift liegen sprachliche Veränderungen und eine Umordnung des Zeichengebrauchs. In Skandinavien setzt sich im frühen Mittelalter eine Reihe mit 16 Grundzeichen durch. Die Entwicklung lässt sich nicht einfach als Verlust von Wissen erklären. Weniger Zeichen mussten nun mehr unterschiedliche Laute wiedergeben. Der genaue Verlauf und die Gründe der Neuordnung bleiben Gegenstand der Forschung. [3, 4]
Für die skandinavische Wikingerzeit ist das Jüngere Futhark historisch passender als das Ältere. Wikingerzeit bezeichnet gewöhnlich die Zeit vom späten achten bis ins elfte Jahrhundert. Germanisch ist dagegen eine weiter gefasste sprachliche und historische Zuordnung. Nicht alle germanischsprachigen Menschen waren Wikinger, und die älteren Runen wurden nicht erst für Wikingerfahrten geschaffen.
Alle 16 jüngeren Grundrunen
Die folgenden Einträge nennen die herkömmlichen Grundwerte und wichtige Namensentwicklungen. Eine Rune konnte in tatsächlichen Inschriften mehr Laute bezeichnen, als ihre kurze Umschrift erkennen lässt. Die Namen werden hier in geläufigen normalisierten Formen gezeigt; überlieferte Schreibungen variieren. [5, 9]
- Fé, f: Die Namensverbindung mit Vieh und Besitz setzt die ältere Fehu-Tradition fort. Das Zeichen bleibt eine f-Rune, ohne dass jede Verwendung eine Aussage über Reichtum bildet.
- Úr, u: Die Rune übernimmt unterschiedliche Vokalwerte und kann auch für v-artige Laute stehen. Die spätere Namensüberlieferung ist nicht überall gleich; Regen- und Auerochsenbilder dürfen nicht zu einer einzigen ursprünglichen Erklärung verschmolzen werden.
- Þurs, þ: Die Rune führt den dentalen Reibelaut weiter. Je nach Wort und Sprachstufe kann sie unterschiedliche stimmhafte oder stimmlose Lautungen abdecken. Ihr Name gehört zur Riesenüberlieferung, nicht automatisch zu Thor.
- Óss beziehungsweise Áss, ą und später unter anderem o: Diese Rune zeigt besonders deutlich den Wandel des Vokalsystems. Ein moderner Konverter mit o-Zuordnung bildet eine erklärte Konvention ab, nicht sämtliche frühen Lesungen.
- Reið, r: Die gewöhnliche r-Rune ist von der letzten Rune für den historisch besonderen r-Laut zu unterscheiden. Die ähnliche heutige Wiedergabe durch r und R darf diesen Unterschied nicht verdecken.
- Kaun, k: Neben k kann die Rune g-Laute schreiben. Die spätere punktierte Differenzierung ist noch nicht vorauszusetzen. Das Namensfeld ist von der angelsächsischen Fackelbenennung zu unterscheiden.
- Hagall, h: Die h-Rune hat deutlich veränderte jüngere Formen. Ihre Benennung führt zum Hagelwort; eine Abbildung der älteren Hagalaz-Form wäre nicht für jede jüngere Inschrift passend.
- Nauð, n: Die Rune bleibt im Namensfeld Not oder Bedürfnis. Kurzast- und Langzweigformen können unterschiedlich aussehen. Erst die konkrete Form und der Textzusammenhang erlauben eine sichere Lesung.
- Ís, i: Das einfache Zeichen kann auch e und weitere verwandte Vokalwerte abdecken. Eine Rückumschrift mit i benennt deshalb einen Grundwert, nicht die vollständige ursprüngliche Aussprache.
- Ár, a: Die Rune steht in der jüngeren Reihe für a-artige Laute. Ihre Entwicklung hängt mit dem älteren Jahresnamen zusammen. Sie ist ein gutes Beispiel für die veränderte Verbindung zwischen Name und Anlaut.
- Sól, s: Die Sonnenbenennung setzt sich fort, während die Gestalt bis zur sehr verkürzten Kurzastform reicht. Formunterschiede sind für die Einordnung einer Inschrift bedeutsam.
- Týr, t: Das Zeichen kann auch d wiedergeben. Die Schrift unterscheidet an dieser Stelle nicht alles, was eine heutige lateinische Buchstabenschreibung unterscheidet.
- Bjarkan, b: Die Birkenrune kann b und p abdecken. Zusätzliche Zeichen für eine genauere Unterscheidung gehören in spätere Entwicklungen und dürfen nicht beliebig zurückdatiert werden.
- Maðr, m: Der Menschenname setzt die ältere Tradition fort. Die jüngeren Formen unterscheiden sich vom bekannten älteren Mannaz-Zeichen. Gleiches Namensfeld bedeutet nicht gleiche Zeichnung.
- Lǫgr, l: Die Verbindung mit Wasser bleibt im Namen erhalten. In Wörtern arbeitet die Rune als l-Zeichen und nicht als ständiges Wassersymbol.
- Ýr, R beziehungsweise ʀ: Die Rune schreibt den besonderen Laut, der sich aus älterem z entwickelt hat. Später fällt dieser mit gewöhnlichem r zusammen. Die Eibenbenennung und spätere neue Lautverwendungen verlangen jeweils eine zeitliche Einordnung.
Langzweigrunen und Kurzzweigrunen
Langzweig und Kurzast bezeichnen unterschiedliche Formen innerhalb der jüngeren Schrifttradition. Ältere Benennungen wie dänische oder schwedisch-norwegische Runen spiegeln Verbreitungsschwerpunkte, aber keine undurchlässigen nationalen Grenzen. Es gibt auch Mischformen. Ein heutiger Landesname genügt deshalb nicht, um die Form jeder historischen Inschrift festzulegen. [6, 10]
Die Kurzzweigrunen vereinfachen mehrere Zeichen. Damit verändern sich nicht automatisch die geschriebenen Wörter oder die Sprache. Ein Zeichen mit kürzeren Zweigen ist keine zusätzliche geheime Bedeutung desselben Worts. Die Formen sind eine Frage der Schriftgeschichte.
Die folgende Gegenüberstellung zeigt die typografischen Grundformen der vorhandenen Spiritual-Circle-Zuordnungen. Sie ist ein eigener Vergleich der beiden jüngeren Formenreihen und keine vollständige Sammlung aller Varianten einer Rune. Die Lautangaben nennen Grundwerte; bei Óss ist der spätere o-Wert gewählt.
| Grundwert | Langzweigform | Kurzzweigform |
|---|---|---|
| f | ᚠ | ᚠ |
| u | ᚢ | ᚢ |
| þ | ᚦ | ᚦ |
| o | ᚬ | ᚭ |
| r | ᚱ | ᚱ |
| k | ᚴ | ᚴ |
| h | ᚼ | ᚽ |
| n | ᚾ | ᚿ |
| i | ᛁ | ᛁ |
| a | ᛅ | ᛆ |
| s | ᛋ | ᛌ |
| t | ᛏ | ᛐ |
| b | ᛒ | ᛓ |
| m | ᛘ | ᛙ |
| l | ᛚ | ᛚ |
| R beziehungsweise ʀ | ᛦ | ᛧ |
Stablose Hälsinge Runen
Bei stablosen Runen werden Hauptstäbe stark verkürzt oder weggelassen. Die traditionelle Bezeichnung Hälsinge Runen verweist auf einen wichtigen Fundraum. Das Material zeigt jedoch unterschiedliche Formen; eine einzige heute gesetzte Reihe kann diese Vielfalt nicht vollständig wiedergeben.
Unicode kodiert stablose Runen nicht als völlig separates Alphabet. Für sie werden die entsprechenden jüngeren Zeichen verwendet, bei vorhandener Unterscheidung die Kurzast-Codepunkte. Deshalb kann dieselbe Zeichenfolge in einer gewöhnlichen Schrift mit Stäben erscheinen. Eine echte stablose Darstellung erfordert passende Glyphen oder eine objektbezogene eigene Darstellung. Falsche Satzzeichen als Ersatz würden die Schrift verfälschen. [10]
Quellen zu diesem Thema
- [3] Riksantikvarieämbetet, Att läsa runor och runinskrifter. Schriftwandel, mittelalterliche Verwendung und spätes Weiterleben. Quelle öffnen
- [4] Universität Kopenhagen, Runology. Periodisierung und unterschiedliche Zeichenbestände. Quelle öffnen
- [5] Nationalmuseet, Runernes navne. Rekonstruktion und Vergleich der Namen. Angaben werden mit der jeweiligen Unsicherheit erläutert. Quelle öffnen
- [6] Lex, Runer. Fachliche Übersicht zu Namen, Schriftformen und Entwicklung. Quelle öffnen
- [9] Odd Einar Haugen, Menota-Handbuch, Kapitel 18, Fassung 4.0 beta. Umschrift, Normalisierung, Wortgrenzen, Ligaturen und mittelalterliche Zeichen. Die Fassung ist ausdrücklich als Entwurf gekennzeichnet. Quelle öffnen
- [10] Unicode Standard 17, Kapitel 8.7. Kodierung der Runen, Formenunterscheidung und stablose Runen. Kein Nachweis spiritueller Wirkungen. Quelle öffnen
